Sonntag, 4. September 2016

Datenschutz - Placebo für Habenichtse

Prof Dr. Iwan Raskolnjew steht dem wissenschaftlichen Institut SST Sicherheit System Theorie in Edinburgh, Schottland vor und hat zusammen mit seinen Mitarbeitern eine Studie zur Relevanz von Datensicherheit herausgebracht, die zu dem nicht nur viel beachteten, sondern auch besonders in Europa heftig attackierten Ergebnis kommt, dass weite Bereiche vor allem europäischer Sicherheitspolitik, wie sie sich in vielen Gesetzen und Einrichtungen zum Datenschutz niederschlägt, in ihrer Bedeutung weitgehend irrelevant seien und sich allenfalls als Placebo für Habenichtse, so lautet einer seiner provokanten Thesen, rechtfertigen ließen.

RL:         Herr Professor Raskolnjew mit Ihrer neuesten Untersuchung haben Sie sehr viel Staub aufgewirbelt und Ihnen wird vorgeworfen, die Würde der einfachen Menschen durch den Dreck zu ziehen, wenn Ihre Studie deren Belange zur Sicherheit ihrer persönlichen Daten in Abrede stellt und die Maßnahmen zu deren Sicherung gar als soziales Placebo zur Verniedlichung ihrer Bedeutungslosigkeit anprangert.

Prof. Raskolnjew:           Ich bin Wissenschaftler und allein der Wissenschaft verpflichtet, nicht aber den Leuten, über die wir forschen, auch wenn sie vielleicht unsere Arbeit über ihre Steuern, wenn sie solche überhaupt zahlen, mitfinanzieren. Meinen Eid habe ich darauf geleistet, ihnen trotzdem die Wahrheit zu sagen. Und dieser Schwindel, dass sie alle zu vermeintlichen Daten-Milliardären gemacht werden, gehört nun einmal aufgeklärt.

RL:         Aber sieht es nicht danach aus, wenn sie die Belange des kleinen Mannes aus dem Datenschutz herausnehmen wollen, dass dieser wieder einmal die ganze Rechnung zahlen soll.
Prof. Raskolnjew:           Tja, das sind die populären, man kann eigentlich genauso gut sagen, die wirklich populistischen Schlagworte, um etwas, was es nicht gibt, als vorhanden hinzustellen. Den vielgerühmten kleinen Mann, der zumeist die Lasten tragen soll, den gibt es jedenfalls in unseren europäischen sozialen Gesellschaften schon lange nicht mehr. Der kleine Mann, also diejenigen Bürger, die, wenn wir es weit fassen, der einen Hälfte der Gesellschaft angehören, der zahlt doch überhaupt keine Steuer und von seinen sonstigen Lasten wird ihm statistisch weit mehr als Hälfte seines Aufwandes aus den Mitteln, den die andere Hälfte der Gesellschaft erwirtschaftet wiederum in irgendeiner Form erstattet, weswegen sich unsere Gesellschaften doch schon weitgehend dem Zustand angenähert haben, dass nahezu die Hälfte der Menschen direkt vom Staat und staatlicher Unterstützung leben. Wenn er also bei Verschiebungen oder Kürzungenangeblich die Lasten trägt, dann kann das nur bedeuten, dass ihm nicht noch mehr leistungsfreies Einkommen zufließt, weil die Gemeinschaft nun auch noch diese oder jene andere Pflicht zu erfüllen hat.

RL:         Aber ist das nicht gerade eine der Konsequenzen der ungerechten Verteilung von Vermögen und Resourcen in unseren Gesellschaften?

Prof. Raskolnjew:           So heißt es in der Tat, aber bei genauerem Hinsehen sehen die Dinge schon wesentlich differenzierter aus. Es gibt da die biblische Geschichte, wonach alle 7 x 7, also entmystifiziert alle 49 Jahre jedem alles wieder genommen wird, was er hat, und jeder von neuem wieder bei Null beginnen muss mit dem sich jeweils einstellenden Resultat, dass nach 49 Jahre wieder das meiste dieselben Leute oder Gruppen besitzen, wie vor 49 Jahre. Ist das richtig, dann kann es wohl kaum an der ungerechten Verteilung liegen. Aber das führt zu politischen Diskussionen der sozialen Gerechtigkeit einerseits und dem Vorwurf des unumschränkten Sozialhedonismus andererseits. Von unserer Aufgabenstellung konnten wir nur davon ausgehen, was wir vorgefunden haben. Und es ist ein schlichter Tatbestand: der kleine Mann hat eigentlich nichts.

RL:         Aber umso wichtiger erscheint es dann, wenigstens dasjenige, was er besitzt, zu schützen und das sind immerhin seine persönlichen Daten, die ihn, wenn sie in fremde Hände gelangen, anderen Interessen schutzlos ausliefern würden.

Prof. Raskolnjew:           Seine Daten, genau das war die Fragen, hat der diese wirklich?

RL:         Nun, ganze Wirtschaftsunternehmen bemühen sich doch nun sehr intensiv, ihrer habhaft zu werden und haben darauf ihr Geschäftsmodell gegründet, also müssen sie doch ihren Wert schon haben.

Prof. Raskolnjew:           Hier genau beginnt die Irreleitung. Einerseits beruht alles auf Daten, die in ihrem Zusammenhang jeweils eine Information bilden. Ein jedes Leben, wie auch alles nicht Belebte und jedes Universum lassen sich nur dadurch erklären, dass die jeweils bei ihnen in Augenschein genommenen Zustände dadurch bewirkt werden, dass die an bestimmten Prozessen beteiligten Glieder sich gemäß einer ihnen vorliegenden Information in einer bestimmten dort vorgesehenen Weise mit anderen Prozessglieder abgestimmt verhalten. Die Information besteht aus einzelnen Daten, denen die Prozessglieder die von ihnen erwartete Verhaltensweisen entnehmen. Will ich somit solche Zustände verstehen, muss ich diese Daten kennen. Sie können damit die gesamte Welt, eine jede Gesellschaft alle Staaten und die ganze Welt erklären. Diese Daten sind Allgemeingut, wäre dem nicht so, dann wäre Wissenschaft unmöglich. Hierzu gehört aber nicht weniger auch im Einzelnen die Schicksale der Daten, wie sie von den einzelnen Prozessgliedern aufgenommen und wie sie umgesetzt werden, mit welcher Konsequenz und vieles mehr. Das alles kann keine Privatsache sein.

RL:         Nun gut, wir geben Ihnen recht, wenn es um Zusammenhänge von allgemeinem Interesse geht, wie in Bezug auf die Gemeinschaft oder bei der Arbeit. Aber geht es beim Datenschutz nicht gerade um die nicht funktionalen Bereiche, in den der einzelne Mensch frei von solchen Zwecken über sich selbst bestimmt?

Prof. Raskolnjew:           Das hört sich gut an, ist es aber nicht. Wenn es darum geht, die Daten über mein Techtelmechtel mit meiner verheirateten Nachbarin zu schützen, stellt sich der mögliche Kreis an ihnen interessierter Unternehmen sicherlich ganz anders dar, als wenn es darum geht, wieviel Liter Bier ich kaufe oder aber vielleicht auch jeden Abend trinke. In unserer Studie verneinen wir diese unterschiedlichen Aspekte nun keineswegs, sondern wir greifen sie gerade auf, um sie zu gewichten. Wenn ich einmal konstatiere, dass die ganze Welt mit allen Staaten, Gemeinschaften und Bewohner nichts als ein riesiger Datenhaufen ist, dann gewinnt die Frage nach einem effektiven Datenschutz eine ganz andere Dimension. Denn für mein Techtelmechtel mit meiner vielleicht sogar ausgesprochen hübschen Nachbarin interessieren sich mit Sicherheit nicht der amerikanische NSA oder andere Geheimdienste, wahrscheinlich aber meine Frau. Rechtfertigt dieses Interesse eines eifersüchtigen Weibes aber gesetzgeberische Maßnahmen, anderenorts tätige Sicherheitskräfte bei ihren Erkenntnissen zum Schutz vor terroristischen Anschlägen zu behindern?

RL:         Hola, hola, Herr Professor, vergleichen Sie da nicht Äpfel mit Birnen?

Prof. Raskolnjew:           Durchaus, durchaus, Herr Baron, aber alles und jedes setzt sich aus Äpfeln und Birnen und noch weit mehr zusammen und ist gleichwohl Teil des identischen Datenhaufens. Genau das gilt es zu beachten. Besonders das europäische Modell setzt daher an einem völlig falschen Datenverständnis an. Dabei wird so getan, als seien die Daten Privatsache, nur weil sie das Private in der vorhandenen Form gerade bewirkt haben. Das ist aber nicht der Fall, vielmehr obwaltet hier die allgemeine Kraft des Lebens, die Leben schafft und die unser aller Gemeinsache ist. Und ein jedes Datum, das für mein Leben und meine Sicherheit Bedeutung erlangt oder erlangen kann, wird umgekehrt damit auch zu meinem eigenen Datum und da kann es kein Gesetz geben, dass mir verbietet, von ihm Kenntnis zu erlangen, nur weil dasselbe Datum auch ein anderes bei einem anderen bewirkt. Ich sollte im Gegenteil gerade wissen, was es bei einem anderen so bewirken kann.

RL:         Sollen dann, was die Daten anbetrifft, alle nackt herumlaufen.

Prof. Raskolnjew:            Es ist nun sicherlich keineswegs stets ein Vergnügen, die Nacktheit eines jeden oder auch einer jeden auch erblicken zu müssen. Aber der generelle Ausschluss jeglicher Nudität in Bezug auf Daten zäumt das Pferd von der falschen Seit auf. Daten und damit Information sind grundsätzlich allgemeine Güter und allgemeine Güter stehen einem jeden zu, statt mit Datenschutz die Welt überall mit Zäunen zu überziehen, müssten wir von einer Datenalmende ausgehen, von einer Informationsfreiheit. Denn die Information bedingt das Leben nicht weniger wie Luft und Wasser und niemand käme auf die Idee, ein individuelles ausschließliches Recht auf Luft zu kreieren. Information enthält stets Daten, die auf eine Vielzahl von Fällen angewandt werden können und Information ist immer etwas Allgemeines und daher auch immer frei. Nur in bestimmten Fällen kann sie gebunden sein, wenn sie beispielsweise meine private ist, weil ich sie in meinem Tagebuch für mich allein niedergelegt habe. Dann steht deren öffentliche Zugänglichmachung aber nicht der Datenschutz entgegen (als bloße Information ist sie gerade frei), sondern mein persönlicher Wille und der Schutz meiner Person und meine Würde verlangen dessen Beachtung. Dazu bedarf es keines Datenschutzes, wie andererseits es durchaus Gestaltungen gibt, wo mein Wille gleichwohl unbeachtlich wäre, etwa wenn mein Tagebuch Gegenstand der Ermittlungen in einem Strafverfahren würde. Die Vorstellung von einem Datenschutz vernebelt hier doch nur die Maßstäbe.

RL:         Also sind Sie doch für den Schutz der Daten, nennen das Kind nur anders.

Prof. Raskolnjew:           Keineswegs, nur wehre ich mich gegen die politische Rosstäuscherei. Ich gehe dabei von einer Datenfreiheit aus und akzeptiere wie in bei jeder Freiheit eine Einschränkung nur dann, wenn die Inanspruchnahme meiner Freiheit in die Rechte anderer eingreift. Das ist die übliche Begrenzung der eigenen Freiheit. Das ist nicht einfach, aber halt der Preis der Freiheit.

RL:         Sie nehmen damit aber im Grundsatz einem jedem Datum ihre Privatheit.
Prof. Raskolnjew:            Schon meinen Kindern habe ich zu ihren privaten Geheimnissen erklärt, dass ein Geheimnis doch nur dann ein Geheimnis sein könne, wenn es auch anderen bekannt sei. Ein Geheimnis, dass nur in meinem Herzen tief verborgen ruht, ist kein Datum und auch kein wirkliches Geheimnis, es ist ein schlichtes subjektives Gefühl. Erst wenn es sich datenmäßig objektiviert und Gegenstand einer Information wird, entsteht es als Geheimnis und der geheime Charakter besteht darin, dass ich mir vorbehalte, mit wem ich es teilen will – ohne Teilung aber kein Geheimnis. Damit aber wird auch jedes Geheimnis Gegenstand allgemeine Kommunikation und allein andere Gesichtspunkte können ergeben, es gleichwohl so zu behandeln, als sei es geheim. Das ist aber eine Fiktion, gleichermaßen fingieren wir auf diese Weise das ganze Leben.

RL:         Nichts anderes will doch auch der Datenschutz.

Prof. Raskolnjew:           Vielleicht im Anspruch, aber mit der Konsequenz eine für jedes Leben, sei es das biologische oder das soziale, elementare Freiheit in ihr Gegenteil zu kehren. Und in der Praxis erweist sich rasch das Gegenteil. Mein vor den Augen vor allem meiner Frau geheim zu haltendes Techtelmechtel interessiert naturgemäß wenige andere, gleichwohl würde sich der Datenschutz hierauf erstrecken. Anders wäre es, wenn ich mit meiner Treue Geschäft machen wollte, vielleicht als Politiker einer Partei, die sich für die Wiedereinführung christlicher Lebensgrundsätze stark machen würde. Genau genommen endet die Vorstellung von einem Datumschutz jeweils dort, wo bestimmte vorherrschende Interessen, wie etwa die der Presse, sich entgegenstellen. Oder nehmen wir doch den Bereich des gesamten wirtschaftlichen Lebens, hier heißt es nicht Datenschutz sondern Transparenz, denn es geht dabei um Sozialhedonismus, darum, wieviel ein jeder für sich von dem, was andere schaffen, ergattern kann, um Umverteilung. Wenn sie mich nach diesem Gespräch zum Essen einladen, dann müssen Sie nicht nur meinen Namen, sondern auch, was ich gegessen habe, auf der Rechnung vermerken lassen, damit Sie die Einladung nicht aus ihrer Privattasche zahlen müssen, sonst muss Ihr Chef die Ausgabe als Einnahme auch noch versteuern. Es gibt viele Menschen, die wesentliche Bereiche ihres Lebens mit wirtschaftlichen Aktivitäten verbinden, da gibt es nicht nur keinen Datenschutz, sondern im Gegenteil eine nahezu unbegrenzte Offenbarungspflicht. Was bleibt dann wirklich übrig für den Datenschutz? Ob ich es nun wirklich mit meiner Nachbarin treibe oder nicht oder vielleicht gar mit einem Nachbarn!

RL:         Auch der kleine Mann bricht hin wieder seine Ehe.

Prof. Raskolnjew:            Ganz genau, Sie nehmen es beim Wort. Und hierin liegt gerade der Betrug des Datenschutzes. Einmal gaukelt man dem kleinen Mann, ich meine den der unteren Hälfte, vor, dass er zwar kein Vermögen besitze und zudem weitgehend von leistungsfreiem öffentlichen Einkommen lebe, jedoch über einen wertvollen Schatz an ihn betreffender Daten verfüge, die immerhin Firmen wie Google oder Facebook ihre Geschäftsmodelle hierauf gründen ließe. Tatsächlich gründen diese Geschäftsmodelle darauf, den Informationshaufen, den die Welt darstellt, zu verstehen und ein jeder hat teil an diesem Haufen. Statt dafür dankbar zu sein, dass solche Geschäftsmodelle darauf beruhen, dass sich aus der schlichten Existenz der Masse genügend Gewinn erwirtschaften lässt, um seine Leistungen (von beachtlichem Wert, wie sich leicht erweist, wenn man ähnliche Leistungen aus dem Bereich der vergütungspflichtigen Onlinedienste in Anspruch nimmt) kostenlos anzubieten. Tatsächlich aber besitzen die Daten des Einzelnen keinen anderen Wert als den des Ausschnitts, den seine Existenz am Ganzen bildet. Es verhält sich dabei nicht anders, wenn man dem kleinen Mann erlaubt, seine Claims auf der Allmende abzustecken, also etwas, das nicht ihm sondern der Allgemeinheit gehört. Mit gleicher Berechtigung könnte man ihm auch Anteile am Mond zuteilen, na ja Mond ist vielleicht schon wieder zu nah, nehmen wir lieber den Jupiter, ist der nicht ohnehin nur heiße Luft? Das ist der gleiche Schwindel, wie wenn man jemanden wegen seiner Lebensleistung ehrt. Ein jeder der lebt, lebt halt und das ist keine Leistung. Das Leben selbst ist die andauernde Überwindung des Mangels und des Irrtums, wenn jemand dabei nur lebt, dann tut er nichts anderes, als er tun muss, um zu leben. Solche Ehrungen gaukeln jemandem nicht anders als der Datenschutz vor, eine Leistung erbracht zu haben, wofür er in Wirklichkeit dankbar sein soll, sie ohnehin zu besitzen, nämlich zu leben.

RL:         Wollen Sie denn auf jeden Datenschutz verzichten?

Prof. Raskolnjew:           Keineswegs, im Gegensteil. Nur schlage ich vor, uns auf dasjenige zu beschränken, was auch notwendig ist und das zu schützen, was überhaupt den Bedarf hat, geschützt zu werden. Ein jedes Leben benötigt seinen Raum, der für den Zeitraum seiner Erzeugung möglichst gleichbleibende oder zumindest vorhersehbare das erzeugte Leben beeinflussende Bedingungen enthält. Diese haben wir zu studieren und mit entsprechenden Maßnahmen zu bedingen und auch zu sichern. Wo seit Menschengedenken kein Wasser floss und auch nicht vom Himmel oder sonst wo herkam, bedarf es keines Hochwassersschutzes, wahrscheinlich ebenso wenig auf dem Gipfel eines Berges. Nicht anders verhält es sich beim Datenschutz. Die Daten, wie oft ich meine Schwiegermutter anrufe, gäben kaum ein lohnendes Angriffsziel für Hacker ab. Der NSA hat sicherlich auch wenig Interesse, mein Techtelmechtel mit meiner Nachbarin auszuspionieren und zu wissen, wie oft wir uns treffen. Maßnahmen des Datenschutzes, dieses zu verhindern, wären zudem unangemessen, da es bei geheimdienstlichen Aktivitäten um staatliche Aktionen, auch auf internationaler Ebene, unserer aller Sicherheit wegen geht. Wenn dabei gar die Telefone von politischen Entscheidungsträgern abgehört werden, würde das sicherlich zu einer Frage des Datenschutzes, aber kaum eines allgemeinen Gesetzes oder eines Datenschutzbeauftragten. Professionell würde man Maßnahmen der Gegenspionage oder sonstige der Abwehr erwarten. Auch wenn der Fiskus in nahezu jedes Konto blicken darf, sollte man es nicht anderen Mächten ermöglichen, aber auch würde man dort kaum vom allgemeinen Datenschutz sprechen, zu nahe liegt das eigene fiskale Interesse. Außerdem sieht die Mehrheit dies wieder ganz anders, wenn es zur eigenen Bereicherung führt. Nichts anderes gilt für Industriespionage, hier lassen sich viele weitere Beispiele finden, die eigentlich angestammtes Gebiet für einen Datenschutz wären, wozu aber weder die Datenschutzgesetze noch die vielen Datenschutzbeauftragten überhaupt einen Beitrag leisten können. Nein Datenschutz, das ist eine politische Pille, die man dem kleinen Mann gibt, um ihn seiner tatsächlich nicht vorhandenen Bedeutung zu versichern. Man schafft eine Scheinwährung, wie Spielgeld im Monopoly, mit der sich jeder Habenichts dann reich rechnen kann, politisches Placebo.



RL:         Wir danken Ihnen Herr Professor für das Gespräch und grüßen Sie Ihre Nachbarin.

Dienstag, 8. April 2014

Ärzte: vorgetäuschte Vorsorge




Überteuertes Placebo

Erhebliche Gesundheitsaufwendungen
Mehr als zehn Prozent des deutschen Bruttosozialprodukts, in Zahlen über 300 Milliarden Euro, also in etwa soviel wie der Bundeshaushalt, betragen die gesamten jährlichen Gesundheitsaufwendungen. Betrachtet man die drastische Zunahme der allgemeinen Lebenserwartung, scheint dieser Aufwand auch gerechtfertigt zu sein. Die Menschen werden immer älter. Hundertjährige hat es zwar schon immer gegeben, aber die Chance, dieses einmal als biblisch angesehene Alter zu erreichen, erlangen immer mehr Menschen. Auf der anderen Seite ist die Sterblichkeit von Neugeborenen und Kindern erheblich zurückgegangen, eine Zahl, die statistisch gesehen die Lebenserwartung seit je stark negativ beeinflusst hat. Wer kann daher die Leistungsfähigkeit unserer modernen Medizin und mehr noch die unserer modernen Ärzte vor diesem Hintergrund in Zweifel ziehen? Niemand, möchte man meinen.

Große Leistungsdefizite bei Ärzten
Und doch geschieht dies in der Effizienzstudie des interuniversitären Instituts für Gesundheitsstruktur auf besonders dramatische Weise. Professor Titus Stromhagen hat bei der Vorstellung der neuesten Untersuchung zum Wirkungsgrad medizinischer Einrichtungen mit vernichtender Kritik am gesamten Gesundheitswesen nicht gespart und dabei vor allem die Leistungsfähigkeit einer Berufsgruppe, deren Ansehen in der ihre Leistungen in Anspruch nehmenden Bevölkerung besonders hoch ist, mit der durchschnittlichen Note ungenügend diskreditiert - die der Ärzte. In Deutschland sind ungefähr 350.000 Ärzte beruflich tätig, davon etwa die Hälfte in Krankenhäusern. Nach der Studie liegt dabei der Effizienzgrad im Sinne einer positiven Auswirkung auf die Gesundheit der Bevölkerung günstigstenfalls für etwa 80 % von ihnen bei Null (die durch ärztliche Tätigkeit verschlechterte Volksgesundheit war nicht Gegenstand der Studie). Mit anderen Worten, nach Stromhagens Ergebnissen könne man auf etwa 80 % der Ärzte schlichtweg verzichten, ohne dass sich deren Ausfall negativ auf die allgemeine Gesundheit der Bevölkerung auswirken würde. Dies gelte ganz besonders hinsichtlich der eingangs erwähnten gesundheitspolitischen Parameter wie dem Anstieg der allgemeinen Lebenserwartung. Dieser Umstand sei als solcher schon seit langem bekannt, so die Tatsache, dass mehr als 75 % des Gesamtaufwands für das Gesundheitswesen ohnehin keine der Gründe betreffen, die für den genannten Anstieg der Lebenserwartung verantwortlich seien. Die Studie habe, so Stromhagen, aber mehr und Deutlicheres an den Tag gebracht, dass nämlich das, was für die Kosten gelte, auch für die Leistungseffzienz der Ärzte zuträfe.

Diffuses Leistungsbild
Angesichts dieser Feststellungen bemühte sich Stromhagen erst gar nicht, mit Spott zu sparen, wie über den angeblichen Wirkungsgrad ärztlicher Diagnosen, wonach bei einem humpelnden beinamputierten Patienten 97 % der beteiligten Ärzten mit dem Verlust eines Gliedes die zutreffende Diagnose stellten. Auch sah er das an sich mehr ironisch gemeinte Bild bestätigt, wonach ein Arzt im Durchschnitt bei seiner Tätigkeit damit beschäftigt sei, 40 ihm bekannte Medikamente möglichst passend auf die vor ihm erscheinenden Patienten zu verteilen, bei besseren Ärzten seien es bis zu 80 Medikamente. Kämen dem Arzt bei dieser Zuteilung dann doch Zweifel, weise er den Beschwerden einen psychosomatischen Ursprung zu. Natürlich bediene sich der Arzt aller ihm erreichbarer Untersuchungsmethoden, vor allem des Einsatzes in seiner Praxis vorhandener und in zweiter Linie auch üblicher und von ihm erwarteter Untersuchungsverfahren, deren Ergebnisse aber zumeist nur durch den Filter der bestehenden Beschränkung der von ihm praktizierten Medikamentenverteilung wahrgenommen werden. Dabei wirkt sich eine weitere festgestellte weitverbreitete Leseschwäche unter Ärzten aus, die ihnen den Zugang über mehrere Absätze sich erstreckende schriftliche Darstellungen zu verschließen scheint, was erst recht für mehrere Seiten umfassende Dokumente gilt. Dies gilt selbst für zusammenfassende Laborergebnisse, zu deren Erhebung im weiten Umfang sie zwar den Auftrag erteilen (was Bedeutung für den Umfang der ärztlichen Vergütung hat), deren einzelne Daten aber nur insoweit überhaupt wahrgenommen werden, wenn normabweichende Resultate als solche farblich oder in einer ähnlich geeigneten grafisch auffälligen Weise auch kenntlich gemacht seien. Daher sei es unter den Kollegen, die auf solche Untersuchungen spezialisiert haben, wie etwa Laborärzte oder Röntgenologen, auch üblich, Ergebnisse in nicht mehr als zwei oder drei Sätzen darzustellen, ungeachtet der Komplexität der jeweiligen Untersuchung.

Kriterium: Diagnosesicherheit
Untersucht wurden unter anderem die Diagnosesicherheit und die theoretische Wirksamkeit angeordneter Therapien. Unter Diagnosesicherheit wird die Fähigkeit eines Arztes beurteilt, anhand der von ihm feststellbaren Symptome zu einer Diagnose mit der höchsten Wahrscheinlichkeit der Symptomverursachung zu gelangen. Schon während des klinischen Studiums wird den angehenden Medizinern dabei die Methode einer Differenzialdiagnose beigebracht, mithilfe derer dem symptomatischen Bild mögliche Ursachen, also gemeinhin Krankheiten, zugeordnet werden sollen. Die Effizienz dieses Verfahrens hängt von zweierlei ab, einmal von einer möglichst vollständigen Erfassung der beim Patienten feststellbaren Symptome, zum anderen von einem fundierten Wissen möglicher Ursachen, also der praktischen und theoretischen Beherrschung des vom jeweiligen Arzt betreuten Fachgebiets. Die Studie hat nun hinsichtlich beider Voraussetzungen gravierende Missstände nachgewiesen, die bei bis zu 80 % der teilnehmenden Ärzte auftraten. Bereits bei der Symptomerhebung fielen ein Großteil der Ärzte damit auf, dass sie sich ihnen bietende Informationsquellen erst gar nicht auswerteten. Besonders gravierend war das Übergehen von Schilderungen der Patienten über ihre Beschwerden, die bis zu in 90 % der Fälle schon gar nicht wahrgenommen wurden. Vielmehr schienen die beteiligten Ärzte überwiegend auf ganz bestimmte Fragestellungen beschränkt zu sein, die ihnen vom vorneherein einen Blick für die vorliegende besondere Symptomatik verstellten und zugleich bereits den Anwendungsbereich möglicher differentialdiagnostischer Betrachtung entschieden einschränkten. In vielen Fällen beschränkte sich die Symptomanalyse bei allen untersuchten Patienten auf die Punkte Rauchen, Alkohol und Fettleibigkeit sowie Bewegungsarmut. Eine Anamnese fiel mithin bei nichtrauchenden und alkoholabstinenten schlanken Patienten schlichtweg aus. Diese Defizite setzten sich im Umgang mit weiteren möglichen Informationen zur Symptomerfassung fort, indem auffallend viele Untersuchungsergebnisse in ihrer Bedeutung für die von dem Patienten beschriebenen Beschwerden nicht erkannt wurden, sondern durchweg eine Ergebniswahrnehmung nur aufgrund stereotypisch verwandter Parameter erfolgte. Die auf dieser erkenntnistheoretisch bereits erheblich reduzierten Basis beginnende eigentliche differentialdiagnostische Leistung führte schließlich in mehr als die Hälfte der Fälle zum vollkommenen Ausfall. Denn ein Großteil der untersuchten Ärzte beschränkte ihre Diagnose auf eine bestimmte und limitierte Anzahl von ihnen praktizierter Verfahren, und übergingen dabei sogar bereits festgestellte Symptome, da sie nicht zu den angewandten diagnostischen Stereotypen passten. Das heißt in der weitaus größten Anzahl ging die Differentialdiagnose schlichtweg ins Leere. Dort, wo sie symptomgerecht gestellt wurde, waren ihre Ergebnisse wiederum in einem erschreckenden Maße von schlichter Unkenntnis des differentialdiagnostischen Umfelds gekennzeichnet.

Kriterium: Theoretische Therapieeffizienz
Die theoretische Wirksamkeit angeordneter Therapien befasst sich mit der grundsätzlichen Möglichkeit einer verordneten Therapie, diagnostizierte Fehlfunktionen zu beheben. Unberücksichtigt bleiben dabei reine Placebo-Wirkungen. Dabei geht es nicht um eine pharmakologische Aussage zur Wirkung eines bestimmten Medikaments, sondern einmal um die Beurteilung, ob angesichts der festgestellten Umstände ein positive Wirkung der Maßnahme überhaupt möglich ist und zum anderen darum, ob Informationen über eine solche Wirkungseffizienz von dem Therapeuten nach seinem Verhalten erkannt werden können. Auffallend war, dass Ärzte überwiegend auf solche Medikamente zurückgriffen, deren breite bis oft unbestimmte weite WIrkungsweise bekannt ist, wie etwa bei bestimmten Antibiotika. Je weniger ein solches Medikament einer ganz bestimmten WIrkung zuzuordnen war, umso häufiger fand es in den untersuchten Fällen Verwendung. Ein differenzierter diagnostischer Befund führte in vielen Fällen nicht zu einer entsprechend differenzierten Verwendung einzelner Medikamente, sondern es blieb in der Regel dabei, vieles über einen Kamm zu scheren. Eine Wirksamkeitskontrolle verschriebener Therapien fand in der ganz überwiegenden Zahl der Fälle nicht statt. Nur in knapp 20 % der Therapien wurden deren Anschlagen vom sie verordnenden Arzt auch nachgeprüft, im Übrigen erfolgte eine Beurteilung nur dann, wenn der Patient wegen Fortbestands der Beschwerden den Arzt von sich aus wieder aufsuchte. Aber selbst in diesen Fällen wurden wiederum nur in weniger als die Hälfte aller Untersuchungen die bereits erfolgte Therapie und mögliche Gründe ihres Scheiterns überprüft, in der Mehrzahl der Fälle wurde aus der begrenzten Auswahl von Medikamenten ein anderes verschrieben.

Von der Mehrheit vorgetäuschte Leistungseffizienz einer Minderheit
Bei der Vorstellung der Ergebnisse seiner Studie legte Stromhagen jedoch besonderen Wert auf seine Feststellung, dass mit dieser negativen Beurteilung keineswegs ärztliche Leistungen generell abgewertet werden würden. Denn Fortschritt und Möglichkeiten medizinischer Therapierung bewegten sich sowohl nach ihrer Diagnosesicherheit und ihrer Wirkungseffizienz (theoretische Wirksamkeit angeordneter Therapien) als auch den anderen Kriterien nach nach wie vor auf einem sehr hohen Niveau. Dieses Niveau werde aber nicht durch die Tätigkeit der ganz großen Mehrheit der Ärzte begründet, sondern ausschließlich von einer kleinen Gruppe von nicht mehr als 20 % von ihnen. Das Besondere bestehe aber nun gerade darin, dass sich die öffentlichen Wahrnehmung nahezu ausschließlich auf die Tätigkeit und Erfolge dieser Minderheit beziehe. Die große Mehrheit der Ärzte folgt einer hierdurch begründeten Erwartung insoweit, als sie bei ihrer Leistungserbringung vorgibt, zu entsprechenden gleichen Leistungen ebenfalls in der Lage zu sein. Hierauf beruhen die geschilderten Diskrepanzen. Denn in Wirklichkeit täuscht die Mehrheit die Qualität der Leistungen der Minderheit nur vor.

Teure Placebowirkung des weißen Rocks
Im Ergebnis stellt Stromhagen fest, dass das, was hinsichtlich der Kostenstruktur schon seit langem bekannt sei, ebenfalls für die Leistungsstruktur gelte, dass nämlich nicht mehr als 25 % des finanziellen oder persönlichen Aufwands zur Aufrechterhaltung und Verbesserung der Volksgesundheit beitrügen und damit auch erforderlichen seien. Angesichts der Tatsache, dass mehr als 10 % des Bruttosozialprodukts für den Gesundheitsbereich aufgewendet werden, sollte diese Feststellung endgültig Anlass zum Nachdenken über eine tiefgreifende Änderung dieses Bereichs geben. Es ist dabei ohnehin zu erwarten, dass sich mit dem Vordringen der Digitalisierung auch im Gesundheitswesen ohnehin automatisch eine zuverlässigere Erfassung der für die Diagnose erheblichen Symptomatik eines Patienten einstellen wird und im zweiten Schrift damit nicht nur die Basis für eine Diagnose sondern auch die Bandbreite möglicher Diagnosen ( im Wege der Differentialdiagnose) wesentlich und vor allem auch zuverlässiger erweitert werden wird. Auf den mit diesen Hilfsmitteln umgehenden Arzt wird aber man aber niemals verzichten können, indessen auf jene, die betriebsblind nach eingefahrenen Stereotypen in die Kiste ihnen bekannter Remeduren nur greifen und im Übrigen auf die Placebowirkung ihres weißen Rockes vertrauen.

Mittwoch, 13. April 2011

Kampf der Geschlechter erwiesen: Frauen hassen Männer


Schon der antiken griechischen Kultur wird nachgesagt, dass viele ihrer Einrichtungen, die noch das Abendland geprägt haben, nur aus einer ungebrochenen Furcht der griechischen Männer vor einem Widererstarken der Macht der Frauen geprägt wurden. Der in der Antike stets präsente Mythos von den Amazonen, den Frauenkriegern, die sich allein der Männer zur Sicherung ihrer Nachkommenschaft bedienten, galt als abschreckendes Beispiel. Damit die Männer sich ihrer erwehren konnten, bedurfte es des Halbgottes Achilles, der die letzte Königin Penthesilea in Troia im Zweikampf tötete – nicht ohne der sterbenden Penthesilea noch in die Augen zu schauen- woraufhin er  von diesem Blick verzaubert sich unsterblich in sie verliebte und vor Liebeskummer wegen des Todes der Geliebten größte Schmerzen ertragen musste. In der Antike entschloss man sich, diese Macht der Frauen endgültig zu brechen und einem Wiedererstarken ihrer Feindseligkeit durch ihre Verhüllung und ihrem Wegsperren aus dem öffentlichen Raum sowie einer stringenten allein die Frauen verpflichtenden Sexualmoral vorzubeugen, in einem Siegeszug des Patriarchalismus und seiner Verherrlichung zur griechischen Phallokratie, der hemmungslosen Verehrung des erigierten männlichen Gliedes. Was, vor allem nach dem gnadenlosen Sieg des Patriarchats, der noch in moderner Zeit den Befreiungskampf der Feministinnen munitionierte, später von den Männern spöttisch belächelt und Gegenstand vieler Zynismen in Herrenclubs und sonstigen männlichen Zirkeln bis hin zu den Stammtischen wurde, eine konstatierte allgemeine Feindseligkeit, vor allem der älteren Damen, gegenüber den Männern, nicht selten auch gegen die eigenen, scheint sich jetzt nach den neuesten genetischen Untersuchungen zu bewahrheiten:  die Frauen stehen im genetischen Regelfall den Männern allgemein, das heißt grundsätzlich und unspezifiziert und nicht auf einzelne von ihnen bezogen, feindlich und ablehnend gegenüber. Die Zuneigung zu ihnen, selbst die Liebe, sind Ausnahmen zu bestimmten Zwecken, die im Übrigen die Regel bestätigen, sagen die Forscher. Die Männer lieben demgegenüber die Frauen ebenso unspezifisch, bestimmt nur durch wenige allgemeine körperliche Merkmale, die sie sexuell ansprechen. Man kann diese Ergebnisse dahin zusammenfassen, dass die Frauen tendenziell den Männern feindlich gesonnen sind, wogegen die Männer tendenziell alle Frauen lieben. Das jedenfalls sind die Ergebnisse des fünfjährigen interdisplinären Projekts ESELL G (Elementary Study Efficiant Love and Life: Gender) an dem neben Humangenetikern und Neurowissenschaftlern auch Soziologen und Psycholgen teilgenommen haben und deren Ergebnisse nunmehr in den USA vom Institute for Human Gender Research am Caltech in Pasadena vorgestellt wurden. An der Studie waren auch deutsche und französische Wissenschaftler beteiligt. Im Laufe der Jahre waren insgesamt zehntausend Frauen und Männer in den USA, Frankreich, Irland und Deutschland in ihr einbezogen. Eine Ausweitung der Studie auf einige asiatische Länder wie Japan, Thailand und Südkorea sei gerade zusammen mit einigen Forschungseinrichtungen in diesen Ländern beschlossen worden, auch um etwaige kulturelle Beeinflussungen der bisher nach streng wissenschaftlichen Methoden gefundenen Ergebnisse erkennbar zu machen.


John Will, Leiter des ESELL G,  nannte die aufgedeckten Zusammenhänge revolutionär, obgleich in den Vorstellungen vieler Menschen weit verbreitet, wenn dort auch mit dem “schlechten Gewissen eines Vorurteils” belastet. Wie Will erläuterte, ist es nichts Ungewöhnliches in der Natur, wenn ein Gleichgewicht statt durch gleichgerichtete beteiligte Komponenten durch sich widersprechende Komponenten hergestellt wird, wobei der Ausgleich jeweils beim Aufeinandertreffen der gegensätzlichen Richtungen erfolgt. Eines der bekanntesten Beispiele ist die Willenskraft, die durch eine Unlust, also ein Unbehagen, entsteht, die mit der Fassung eines Entschlusses, etwas Bestimmtes zu wollen, aufkommt. Diese Unlust kann dann nur dadurch abgebaut werden, dass man sich in die Richtung, die die Willenskraft vorgibt, bewegt, um dann das Unbehagen in ein Behagen oder Unlust in Lust beim Werden des Gewollten umschlagen zu lassen. So ist von Natur aus als Antrieb bestimmt, dass Unlust entsteht, um Lust zu erzeugen. Die genetischen Grundlagen der Einbindung in ein allgemeines Belohnungs- und Bestrafungssystem sind zwar noch nicht geklärt, jedoch besteht die von nicht wenigen Wissenschaftlern geteilte Vermutung, dass es sich bei dieser Verbindung um eine Schaltstelle zwischen Körper und Bewusstsein handeln muss. Die positive oder negative Besetzung von Gefühlen sagt somit selbst nichts darüber aus, was nun das von der Natur gewünschte Ergebnis ist, vielmehr bedient sich die Natur Zuckerbrot und Peitsche, um zu dem gewünschten Ergebnis zu kommen.


Im Verhältnis der Geschlechter stieß man sowohl aufgrund neurowissenschaftlicher als auch psychologischer Untersuchungen auf die Ambivalenz der Grundtendenzen der gegengeschlechtlichen Beziehungen. Bei Untersuchungen unter Anwendung der Magnetresonanztomografie (MRT) wurden auffällige Veränderungen in der Durchblutung bestimmter Gehirnteile festgestellt, die auf besondere Häufigkeit von Gefühlen aggressiver Art deuten, wenn Frauen unspezifisch mit männlichen Themen befasst wurden; ähnliche Ergebnisse, jedoch mit umgekehrten Vorzeichen, wurden bei Männern gefunden, wenn diese mit allgemeinen weiblichen Erscheinungen konfrontiert wurden. Bei tiefergehenden Untersuchungen konnte dann das Muster aufgedeckt werden, dass Frauen, wenn sie nicht durch eine ganz bestimmte Beziehung zu einem bestimmten Mann gefühlsmäßig gebunden waren, männlichen Signalen gegenüber tendenziell, das heißt in signifikanter Mehrzahl, mit negativ besetzten Gefühlen reagierten. Männer wiesen genau das Gegenmuster auf, jedem weiblichen Signal wurde mit offenem Interesse begegnet und nur wenige Merkmale, wie Körperformen oder auch sogar nur deren silhouettenhaften Umrisse, reichten zu emotional positiv besetzten Gefühlen. Diese Unterschiede wurden auf das bereits genetisch festgelegte unterschiedlichen Sexual- und Sorgeverhalten von Mann und Frau gegründet. Denn anders als der Mann, dem es nach seiner Veranlagung vordergründig um die Verteilung seines Samens in möglichst vielen Schößen geht, hat die Frau innerhalb größerer Zeiträume zumeist nur einen Versuch, einen nach seiner genetischen und sonstigen Ausstattung geeigneten Sexualpartner zu finden, der zudem auch noch für Sicherheit und Sorge der Kinder nach deren Geburt zuverlässig aufkommt. Daher gilt es aus weiblicher Sicht, eine weitaus höhere Barriere zu überwinden, um den Anderen an sich herankommen zu lassen. Demgegenüber entscheidet der Mann bei der Auswahl seiner Sexualpartnerinnen nach recht wenigen zumeist nur äußerlichen Merkmalen, die ihren Zweck schon erfüllen, wenn sie ihn hinreichend sexuell reizen. Die Vaterschaft selbst, die ihm an sich auch eine genauere Auswahl der möglichen Mütter seiner Kinder nahelegen würde, spielt hier keine Rolle, da sie entwicklungsgeschichtlich wenig Bedeutung hat. Sie gilt den Forschern vielmehr als Produkt kultureller Grundlage, nachdem die Männer erst vor einigen Jahrtausenden überhaupt von ihrer konkreten Urheberschaft wissen konnten.

Nach dem Muster stehen die Frauen den Männern unspezifiziert, das heißt, ohne konkretes an einen Mann zu stellendes Verlangen, feindselig und ablehnend gegenüber, während der Mann in jeder Frau eine mögliche Sexualpartnerin sieht, die seine ohnehin nicht recht hohen Anforderungen erfüllen kann, er mithin alle Frauen liebt. In Gesellschaften, in denen die Altersstruktur ausgeglichen ist, führt diese Ambivalenz zu einem entspannten Verhältnis zwischen Männern und Frauen, da in der Auflösung der Gegensätze auch zugleich die Lösung liegt. Nachdem die Triebfeder der Frauen, sich Männern wohlmeinend zu nähern, und der Männer, sich die weiblichen Schöße zu öffnen, aber grundlegend unterschiedlicher Natur sind, kann es zu nachhaltigen Störungen im ambivalenten Verhältnis der Geschlechter kommen, wenn sich die jeweiligen gesellschaftlichen Grundlagen verändern. Die weibliche Triebfeder ist auf einen unmittelbaren Nutzen bezogen (Auswahl eines fähigen Geschlechtspartners und Vaters), die des Mannes dagegen auf einen mittelbaren Nutzen, seine allgemeine Reproduktion, während sich sein unmittelbares Interesse oft allein im sexuellen Orgasmus erschöpft. Diese Diskrepanzen wirken sich am Auffallendsten im Alter aus, wenn die unmittelbaren Bedürfnisse der Frauen (Wahl eines geeigneten Geschlechtspartners) und die der Männer (sexueller Orgasmus) zunehmend ihre biologischen Grundlagen verlieren. Mangels entsprechenden Verlangens und entsprechender Notwendigkeit der Frauen im Alter verliert eine ihre grundsätzliche Feindseligkeit korrigierende einzelne positiv besetzte Beziehung zu einem Mann an Bedeutung, so dass sich die aggressive Grundhaltung durchsetzen kann. Bei den Männern ändert indessen ihre nachlassende biologische Vitalität zumeist nichts an ihrem (subjektiven) Begehren, so dass sie weiterhin ungeschmälert ihren (oft wollüstigen) Gefühlen, die sie tendenziell alle Frauen lieben lassen, ausgesetzt sind und zwar wehrlos. Denn die Rückkehr eines ihnen im Alter feindlich gesonnenen allgemeinen weiblichen Verhaltensmusters trifft sie zudem in zumeist schlechterer vitaler Verfassung als die Frauen ihrer Generation. Damit aber wandelt sich die Dominanz im männlich-weiblichen Verhältnis zu einer allgemeinen weiblichen aggressiven Dominanz in überalterten Gesellschaften, wie wir sie nach der Studie gerade zu erfahren beginnen. Die an ESSEL G beteiligten Forscher wollen zwar noch nicht soweit gehen, dass sie hierin (und nicht in den bisherigen Erfolgen weiblicher Emanzipation) die gegenteilige Entwicklung zum über zweitausendjährigen Patriarchat, das bis in die Neuzeit zur vollkommenen Entrechtung der Frauen geführt hatte, sehen, jedoch ganz ausschließen wollen sie es auch nicht.

Freitag, 1. April 2011

Kernkraftwerke sind der Preis der Übervölkerung

Interview mit dem Leiter des IEE

Prof. Emil Raio leitet das renommierte Institut für Internationale Ernergieeffizienz  (IEE) am Forschungszentrum in Neujükarlsberg, eine der großen  Forschungsstätten, die in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts einst zur Erforschung der Kernkraft gegründet wurden und zwischenzeitlich ihre Forschung vor allem in Hinblick auf die Umwelttechnologien neu ausgerichtet haben. Raio hat schon sowohl SPD- als auch CDU-geführte Regierungen auf Bundes- und Landesebene in Energiefragen beraten.

RL: Herr Professor, die Deutschen sind schon seit langem technischen Fortschritten gegenüber sehr zurückhaltend eingestellt, hat Sie der augenblicklich hier entbrannte Antikernkrafttsunami da noch erstaunt?

Prof. Raio:  Wenn ich ehrlich bin, ja, ja es hat mich gewundert, sehr gewundert, dieser Verlust an Rationalität und die ungenierte Offenbarung hemmungslosen politischen Begehrens.  Natürlich nicht die Haltung der mittlerweile institutionalisierten Kernkraftgegner in Politik und Wissenschaft, die nun endlich ein Szenario vorgefunden haben, dass ihren schlimmsten Vorhersagen entspricht…

RL: und möglichweise übersteigt...

Prof. Raio: nein, entspricht, nicht übersteigt, denn Sie müssen hier nun alles berücksichtigen, was so zum GAU und Supergau an uns bedrohenden Szenarien schon entworfen wurde. Man darf dabei schließlich auch nicht die ideologische Grundlage dieser Bewegung vernachlässigen, wie sie etwa der deutsch-amerikanische Umweltphilosoph Hans Jonas in seinem Werk  Prinzip Verantwortung mit seinem kategorischen grünen Imperativ gelegt hat: gehe bei allem, was du tust, davon aus, dass es heute und in aller Zukunft das Schlimmste jedes Vorstellbaren bewirken wird – etwas, das andere als eine Philosophie des institutionalisierten Verfolgungswahns bezeichnet haben. In der Tat, wo kämen wir hin, wenn jeder, der morgens das Haus verlässt, bei allem, was er tut, unterstellen müsste, dass er damit die schlimmste aller Kausalketten initiieren würde. Denken Sie an Tolstois Krieg und Frieden, wo minutiös aufzeichnet ist, wie die zarte Hand einer jungen Dame allein durch eine kleine Bewegung zur Mitursache für Napoleons Einfall in das Zarenreich wurde.

RL: Aber sollen wir denn die Gefahren und Gefährdungen durch unser Tun einfach ausblenden?

Prof. Raio: Keineswegs, dafür wurden wir nicht als vernunftbegabte Wesen von wem und was auch immer geschaffen. Aber wir müssen abwägen und würdigen und können uns nicht einem atavistischen Fluchtimpuls hingeben, um jeder Gefahr zu entfliehen. Dann säßen wir noch heute auf den Bäumen und starrten sehnsüchtig in die Savanne nach Beutetieren und hätten, nebenbei angemerkt, auch nichts zu verteilen. Die Änderungsaversion, wie wir sie in Deutschland bei allen wissenschaftlichen und technischen Entwicklungen feststellen – sei es in der Genforschung, in der Informatorik, bei größeren Planvorhaben und der Entwicklung moderner Systemstrukturen, um nur einige Beispiele zu nennen-  spricht für eine wahrhafte Progressionsphobie, eine Einstellung, die für ein hochindustrialisiertes Land, was jedenfalls die materiellen Lebensumstände der Bevölkerung mitsamt all ihrer kostspieligen sozialstaatlichen Privilegien anbetrifft, tödlich sein kann. Immerhin ist Deutschland allein kraft seiner Innovationskraft  noch eine der größten Exportnationen, die darauf angewiesen ist, gerade von dem zu leben, was die meisten so befürchten: technischen Fortschritt und zwar nicht nur auf nach vorgefassten ideologischen Kriterien festgelegtem Feld. Nun ist es auch hier so, wie in allen Lebensbereichen, dass nur etwa 20 %  der Beteiligten die jeweils entscheidenden Leistungen erbringen, wovon dann die etwa 80 % Anderen leben. Gefährlich wird es für die diese Art Wirtschaftssymbiose  jedoch dann, wenn die restlichen 80 % mit ihrer Mehrheit Dinge beschließen, die die 20% Kreativen daran hindern, ihre Güter, von denen wieder alle leben, schaffen zu können. So geht es in Deutschland nun schon seit Jahrzehnten abwärts. Der Begriff Chemie, einst der Stolz unserer Wissenschaft und ein Rückgrat unserer Wirtschaft (von der schließlich alle leben), verkam zu einem Schimpfwort und die Pharmazie, die Deutschland einst den Titel Apotheke der Welt verschuf, ist ausgewandert oder hat sich in Nischen verzogen, unter den 20 größten Unternehmen der pharmazeutischen Industrie suchen Sie vergeblich nach deutsche Namen. Geblieben sind sicherlich noch bedeutsame industrielle Branchen wie der Autobau, von denen, die sich ideologisch zu den neuen Herren gerade aufschwingen -wie es sich auch zunehmend in demokratischen Abstimmungen herauskristallisiert - kaum noch geduldet. Und die großen neuen technischen Entwicklungen der letzen 30 Jahre  sind ohnehin längst an unserer Industrie vorbeigezogen. Gemessen an den Vorgaben für  einen der größten Exporteure technischer Produkte weltweit haben wird den Fortschritt in der Informationstechnologie ebenso verpasst wie bei den zugehörigen Dienstleistungen, eine SAP macht noch kein universelles Technologiezentrum. Selbst in den Umwelttechnologien, von deren Ergebnis wir nach grünen Träumen alle einmal leben sollten, überflügeln uns andere zum Teil schon nach äußerst kurzem Wettbewerb.

RL: Nun, das klingt ja so, als würden wir am Hungertuch nagen, immerhin sind wir noch eine der reichsten Nation der Welt.

Prof. Raio: Noch, weil wir von unserem strukturellen Erbe leben, was unsere Eltern und Voreltern geschaffen haben und das auch auf kollektiver Basis etwa über drei Generationen hinweg noch wirken kann. Und zudem, so reich sind wir auch längst nicht mehr. Beim Bruttoinlandsprodukt pro Kopf ist Deutschland mittlerweile, je nach Liste, auf etwa den 20. Platz gesunken und selbst in Europa gibt es Länder mit einem mehr als doppelt so hohen Prokopfanteil. Japan, das lange Zeit mit Deutschland gleichauf lag und es schließlich in allen technologisch anspruchsvollen Sparten überrundet  hat, hat 2010 ein um 63 % höheres BIP als Deutschland erwirtschaftet. Exportweltmeister wären wir schon lange nicht mehr, wenn man alle wirtschaftlichen Bereiche wie den der Dienstleistung mit in die Berechnung einbeziehen würde. Aber diesen langsamen Abstieg nimmt man in Deutschland nicht wahr, seitdem man auf das Benchmarking verzichtet hat und sich überwiegend nur noch der eigenen Nabelschau hingibt und jeden selbstsüchtiger Motive bezichtigt, der seinen Kopf doch ein wenig höher tragen möchte. Gerade in der augenblicklichen Kernkraftdiskussion zeigt sich die intellektuelle Isolierung narzisstischer Selbstergebenheit in erschreckendem Maße.

RL: Man kann aber doch nicht bezweifeln, dass uns das Atomunglück in Japan die Gefahren der Nutzung der Kernenergie drastisch vor Augen geführt hat, wie wir hier mit einem Feuer spielen, in dem wir alle umkommen können und daher die Menschen zurecht fordern, in dieser Frage umzudenken!

Prof Raio: Es mag zynisch klingen, aber ist dennoch wahr: hier wirkt nichts anderes als der urtümliche Fluchtinstinkt, der Rettung vor der Gefahr nur in der fluchtartigen Entfernung, also dem Davonrennen, suchen lässt, durchaus verständlich, aber nicht die Art, wie vernunftbegabte Wesen Probleme zu lösen pflegen. Mit dem Feuer spielen musste der Mensch schon immer, um Energie zu gewinnen, und oft genug ist er darin umgekommen, wenn wir nur an die verheerenden Brände denken, die bis ins 19. Jahrhundert in schöner Regelmäßig große Teile der Städte vernichteten, nicht nur in Neros Rom. Für die hiervon betroffenen Menschen war das auch ein GAU. Ursache für die besondere Gefahrenlage waren dort der Umgang mit offenem Feuer und die städtisch stark verdichtete Siedlungsstruktur und die dabei verwandten Baumaterialien. Kluge Diskussionen, die sich gegen solche bauliche Verdichtungen gewandt haben, mag es durchaus gegeben haben, indessen ersichtlich ohne Auswirkungen, stattdessen wurde der aktive und passive Feuerschutz ausgebaut mit der Folge, dass uns mittlerweile solche Feuersbrunsten sogar aus dem Gedächtnis entschwunden sind.

RL: So schrecklich bedrohlich es auch für die Menschen seinerzeit  war, Kernkraftwerke sind ganz andere Arten von Feuern, als diejenigen, mit denen man seine Häuser heizte oder auch Städte in Form von offenen Lampen beleuchtete. Tschernobyl hat halb Europa verändert, in Bayern etwa war die Belastung nach Intensität und Ausdehnung sogar weitaus größer als bislang im 30-km-Gürtel von Fukushima, wenn dort nicht noch mehr passieren wird. Wer einen Ofen betreibt, dessen Feuer, wenn es auskommt, auch noch mehr als tausend Kilometern weit getragen wird, muss schließlich ganz anders behandelt werden, als jemand, der nur seinen Nachbarn bedroht.

Prof. Raio: Das ist so nicht korrekt. Sie sprechen von der Bedrohung der Menschen, ich habe von deren Tod gesprochen. Da kann ich keinen Unterschied zwischen denen, die in einer der Feuersbrunsten vergangener Jahrhunderte umgekommen sind oder die verstrahlt werden, feststellen. Was schließlich „nur“ eine Gefährdung des unmittelbaren Nachbarn anbetrifft, so können wir auch bei einer ethischen Betrachtung nicht unberücksichtigt lassen, dass wir in der heutigen Welt zumindest von der Beherrschbarkeit her unendlich mehr Nachbarn haben, als zu Zeiten, wo wenige Millionen über das ganz Land verstreut lebten. Bis Mitte des 17. Jahrhunderts gab es auf der Erde etwa 500 Millionen Menschen, heute sind es knapp 7 Milliarden und für 2050, also in weniger als 40 Jahren liegen die Schätzungen zwischen 9  und 12 Milliarden, unterschiedlich allein im Hinblick auf eine Annahme des Umfangs eines Rückgangs der individuellen Fruchtbarkeit (nicht  aufgrund einer Zunahme!). Infrastrukturmaßnahmen, auch die einer Energieversorgung, betreffen heute oft eine Dimension, die der einstigen Gesamtbevölkerung der gesamten Erde entspricht. Da wird nichts ohne große Lösungen auskommen, in jederlei Hinsicht. Je größer indessen die Maßnahme, umso gravierender wirken sich Fehler oder sonstige Mängel aus. Der Mensch muss stets einen Mangel überwinden, um leben zu können und bei allem, was er sich dazu ausdenkt, unterliegt er dem Irrtum, der allein ihm  Erkenntnis verschafft. Also Fehler gehören zum Leben. Wir müssen alles daran setzten sie zu vermeiden, wenigstens einzuschränken, verhindern können wir sie nie. Je mehr Menschen die Welt bevölkern, umso mehr Mangel muss überwunden werden und umso mehr und umso größere Fehler  werden gemacht werden. Und ich befürchte, dass die Atomkraft zumindest für die nächsten hundert oder zweihundert Jahre die Öfen sind, die eine möglicherweis in naher Zukunft mit 10 Milliarden Menschen bevölkerte Erde energetisch versorgen müssen.

RL:  Niemand bezweifelt, auch nicht die Atomkraftgegner, dass die Weltbevölkerung ein Mehr an Energie benötigen wird, aber sie widersprechen, dass dieser Bedarf nur mittels der Kernernegie befriedigt werden kann. Weder das Einsparpotential noch die alternative Erzeugung von Energie seien ausgeschöpft.

Prof. Raio: Dann sollen die es Ihnen einmal vorrechnen. Einsparpotentiale wie Erhöhungspotentiale werden sicherlich nie ausgeschöpft sein, aber jeweils nur in der Dimension, in denen die Potentiale sich bewegen. Diese Einschränkung übergeht die politische Diskussion zurzeit in schon peinlicher Weise mit dem Motto, Gott wird uns schon helfen, wobei die Allmacht Gottes durch einen erstaunlichen naiven zweckoptimistischen Fortschrittsglauben ersetzt wird – was angesichts der sonstigen Technologie- und Wissenschaftsaversion nachdenklich macht. Man mag das ja noch bei Politikern tolerieren,  aber bei Wissenschaftlern gleicht dies einer Selbstaufgabe, sie sollten dann lieber gleich ihren Job hinwerfen. Über 60 % des Primärenergieverbrauchs in Deutschland etwa entfällt auf Industrie, Gewerbe und Handel, gerade ein Viertel auf die Haushalte, acht Prozent auf die öffentliche Hand. Wer also glaubt mit weniger Licht und weniger Mobilität den Weltenergiebedarf in den Griff zu bekommen, ist ein Illusionär, selbst in Deutschland wird ihm das nicht gelingen. Und was die Potentiale an alternativen, beziehungsweise erneuerbaren Energien anbetrifft, spielen wir allenfalls in der Bezirksliga, abgesehen von auf Weltebene angesichts struktureller Entwicklungsdifferenzen für sehr lange Zeit kaum zu bewältigender technischer Probleme mit diesen Energien.

RL: Warum können wir nicht genügend Energie aus Sonnenergie oder Wasserkraft gewinnen?

Prof. Raio: Der Reiz der Sonnenergie zum Beispiel besteht darin, dass sie in schier unermesslicher Größe zur Verfügung zu stehen scheint. Der gesamte jährliche Verbrauch von Primärenergie  durch die Bevölkerung der Erde lag bislang bei etwa 500 EJ (Exajoule) – der von Deutschland bei 14 EJ-, mittlerweile dürft er bei 700 EJ angekommen sein. Die Sonne bestrahlt die Erde täglich mit 10.700 EJ, jährlich mit 3.900.000 EJ. Das heißt, dass die gesamte verbrauchte Primärenergie pro Jahr  0,0012 %  der jährlich auf die Erde strahlenden Sonnenenergie ausmacht. Sie zu beanspruchen, meint man, müsse doch ein Klacks sein, etwa in Form von Wind- und Solaranlagen, man muss es nur wollen. Die Natur macht es uns überall vor, alles Leben lebt energetisch von der Sonne, ohne Sonnenstrahlung hätte es sich nie auf der Erde entwickelt. Aber wenn es so einfach mit der Energie wäre, wären wir energetisch gesehen, alles Millionäre. Aber wir sind es nicht, denn bei der Energie stoßen wir möglicherweise an unsere Grenzen der Beherrschbarkeit unserer Umwelt und wer mag, kann hier auch den Atem eines höheren Systems vermuten. Die Sonnenenergie ist nur eine Form der Energie, die wir als Strahlung wahrnehmen. Aber genau genommen ist alles, was wir um uns haben und wahrnehmen, Energie, hier wurden uns definitiv erst in den letzten hundert Jahren die Augen geöffnet, etwas, was offensichtlich bislang kaum wahrgenommen worden ist. Energie umgibt uns daher in Hülle und Fülle. Jedes Atom, aus dem die Moleküle bestehen und die wiederum Verbände und schließlich auch Organismen bilden, ist nichts als pure Energie. Die energetischen Verhältnisse der Atomkerne und der sie umkreisenden Elektronen bestimmen die Eigenschaften der Materie, also auch ob es sich um Gold oder Wasser handelt. Die hier obwaltenden Kernkräfte (als schwache oder schwere) sind so gewaltig, dass bei Masseveränderungen frei werdende Energiemengen die beim herkömmlichen Verbrennen von Masse gewonnene Energie bezogen auf die eingesetzte Materie um das 2,5 Millionenfache übersteigen. Die Masseveränderungen erfolgen durch Kernspaltungen, bei denen als Beiprodukte auch die gefährlichen radioaktiven Strahlungen entstehen oder durch Kernverschmelzungen, also der Fusion, mit der radioaktive Abfallprodukte nicht zwingend verbunden sind. Die Sonnenenergie ist nichts anders als das Ergebnis solcher Masseveränderungen in Form einer Fusion. Genau genommen sitzen wir also hier auf der Erde wiederum auf unendlich mehr Energie, als uns über die Sonnenbestrahlung erreicht. Das Problem indessen bleibt bei allem, sie auch nutzen zu können. Energie kann theoretisch in jede ihrer Erscheinungsformen überführt werden, etwa als Wärme, Bewegung, elektromagnetische oder Strahlungsenergie, oder auch als chemische Energie. Auch wir Menschen leben von ihr, wenn wir uns ernähren. Die Energie, die wir durch technische Vorrichtungen gewinnen, verschaffen wir uns in der Weise, dass wir sie von einer Form in eine andere bringen und die dabei frei werdende Energie nutzen. Das heißt zugänglich wird uns die Energie immer nur im Augenblick der Umwandlung. Deswegen können wir sie auch nicht speichern, was ja schon allein im Hinblick auf die von der Sonne auf die Erde gestrahlte Energiemengen alle unsere Probleme für alle Zeiten lösen würde. Wir können nur die Umwandlungsprozesse beeinflussen und ihren Ablauf, auch durch Einschaltung von Zwischenformen der  Energie, verzögern, wie  bei Speicherkraftwerken oder den Druckspeichern.

RL: Da sind aber die Verfechter der alternativen Energien anderer Meinung.

Prof. Raio: Ich würde sagen, sie träumen von etwas Anderem, jedenfalls wenn man den Begriff Meinung heuristisch auch mit Realität verbindet. Natürlich können wir im Kleinen und auch im Mittleren auf Bioenergie setzen und die Eigenschaft der Natur, Sonnenenergie in Pflanzen zu binden, nutzen, wir können Wasserspeicherkraftwerke bauen und auch Druckspeicher in Berghöhlen einrichten. Aber bitte, dann rechnen Sie auch einmal die Kapazitäten aus, die sie benötigen, um den Bedarf zu decken und das auch noch weltweit! Nein diese Wege sind undenkbar. Oder nehmen sie die Träume vom Solarstrom aus der Sahara. Abgesehen von den poltischen Instabilitäten, die mit solchen Lösungen verbunden sind, sind wir vorerst gar nicht in der Lage, den Strom nach Europa zu leiten, alles noch Zukunftsmusik etwa von weltumspannenden Supraleitungen und ansonsten Träumereien. Ich bezweifele überhaupt nicht den erkenntnisgewinnenden Wert solcher Träume, aber man darf dabei nicht die Grenze zur Realität verwischen. Es ist schließlich auffällig, dass wir zwar in den Medien und auch in Politikermund sehr viel von solchen Lösungen hören, man aber vorsichtshalber diejenigen, die die Voraussetzungen hierfür schaffen, wie Wissenschaftler und Ingenieure erst gar nicht befragt oder gar an den Runden teilnehmen lässt. Sehen Sie zum Beispiel die Runden unserer wenigstens hübsch anzusehenden weiblichen Talkmasterinnen, die Wissenschaft und Ingenieurkunst vertreten dort zumeist sogenannte Wissenschaftsjournalisten, deren Aufgabe es an sich wäre, wissenschaftliche Erkenntnis zu vermitteln, die sich aber zumeist in Selbstgelegtem erschöpfen, dies aber trügerisch als wissenschaftliche Erkenntnis ausgeben. Dass sie mich nicht missverstehen, ich bin keineswegs gegen all diese Maßnahmen und glaube auch, dass wir mittelfristig mit alternativen Energien einen wesentlichen Beitrag zur Energieversorgung leisten können und werden, nur leider nicht in einem relevanten Zeitfenster in einer solchen Größenordnung, der es heute im Hinblick auf die energetische Versorgung der Welt als verantwortlich erscheinen ließe, aus der Nutzung der Kernenergie auszusteigen.

RL: Auch nicht wegen der damit verbundenen jetzt so offenkundig gewordenen Gefahren?

Prof. Raio: Nein, auch dann nicht, denn es geht um die elementaren Lebensverhältnisse der Menschen auf einer möglicherweise überbevölkerten Erde. Das Risiko der Kernenergie ist jedenfalls einstweilen der Preis dieser Überbevölkerung. Je mehr im Boot sind, umso größer ist das Risiko des Kenterns oder auch des Untergehens, das ist einmal so und folgt im Übrigen zwingend aus der menschlichen Eigenschaft eines Mangel- und Irrwesens. Die augenblickliche Kernkraftdiskussion verschließt hiervor in verantwortungsloser Weise die Augen, ja verantwortungslos, wenn viele dabei auch glauben, ihrem Verantwortungspropheten Hans Jonas zu folgen. Das Ganze ähnelt einem religiösen Disput, da kann man auch getrost die Realitäten vernachlässigen. Natürlich kann sich Deutschland den Luxus erlauben, aus der Kernkraft auszusteigen, es könnte sich auch den Luxus leisten, allen Bürger ihres Landes einen Nasenring zu verpassen, möglicherweise sogar in Gold. Soviel strukturellen Reichtum haben uns unsere Eltern, auch kollektiv, noch hinterlassen. Ein solcher Ausstieg hat abgesehen von den damit verbundenen drastischen Vermögenseinbußen aber keinerlei Konsequenzen, insbesondere verändert er die Sicherheitslage nur marginal. Denn wir sind auch bei Schließung aller 17 deutscher Kernkraftwerke noch innerhalb eines aufgrund der Erfahrungen von Tschernobyl gebildeten Gefahrenradius von etwa 175 Kernreaktoren  umgeben, mit steigernder Anzahl, ein Tropfen auf den heißen Stein also. Auch denkt kein einziges dieser anderen Länder daran, dem deutschen Beispiel zu folgen, sie könnten es sich gar nicht leisten. Weltweit gibt es zurzeit 442 Reaktoren, 65 sind in Bau. China, das mit 13 Reaktoren zur Zeit weniger als 2 % seines Stromes erzeugt, hat gerade beschlossen, 40 neue Reaktoren binnen der nächsten fünf Jahre zu bauen, hat  50 weitere in konkreter Planung und 70 in der Projektion. Es strebt einen Anteil an der Stromerzeugung durch Kernkraft an, wie ihn andere moderne Staaten haben (nach einer Aufstellung der internationalen Atombehörde Deutschland  28,9 %, Japan 29,23, Belgien 53,5 % und Frankreich 75,17 %). Durch Einführung moderner Wiederaufbereitungs-verfahren hat China gerade erst seine Prognose für die Dauer der gesicherten Versorgung mit Uran von  50 bis 70 auf knapp 3000 Jahre erhöht. Indien plant nicht anders. Großbritannien besitzt 16 und plant 8 weitere,  Russland besitzt 32 und plant 24 weitere und so fort. Das sieht schon ziemlich nach einer Gespensterdiskussion aus, was wir augenblicklich in Deutschland erleben. Es mag ja auch sein, dass eine Mehrheit, vielleicht auch sogar eine große Mehrheit der Wähler dahintersteht, das ändert aber nichts am Gespensterhaften. Im Übrigen ist augenblicklich auch kaum gesichert, wie groß diese Mehrheit wirklich ist. Die Diskussion jedenfalls wird gegenwärtig mit dem Eifer des Glaubens an eine alleinseligmachende Kirche geführt, der alle um die Rettung ihres Seelenheils nur beitreten können – warten wir erst einmal ab, wenn die Gläubigen Kirchensteuer werden zahlen müssen.

RL: Auch wenn Sie mit Ihrer Darstellung, Herr Prof. Raio, Recht haben sollten, widerlegt das unserer Meinung angesichts der Gefahren nicht eine Notwendigkeit zum Ausstieg.

Prof. Raio: Frei vom Benchmarking mit narzisstisch auf sich selbst beschränktem Blick nicht. Normalerweise gewinnt man aber Einsichten anders, nur Dogmatiker und Verbohrte oder Menschen, die andere kognitive Probleme haben, weigern sich, bei ihren Entschlüssen auch Erfahrungen und Beurteilungen anderer zu berücksichtigen. Und wenn etwas nahezu die ganze Welt anders sieht (und im günstigen Fall uns Deutsche heimlich belächelt), dann sollte das wenigstens diejenigen, die Verantwortung für andere tragen, nachdenklich machen.  Objektiv bleibt die Bedrohung durch Kernkraftwerke unverändert. Der Glaube, wir würden mit unserer Haltung gar die Welt verändern können, ist nichts als ein Traum, den Deutschland bekanntlich nicht zum ersten Mal träumt, in dem an seinem Wesen die ganze Welt genesen werde…

RL: Ich bitte Sie Herr Professor, Sie wollen die Kernkraftgegner doch nicht mit den Nazis vergleichen!

Prof. Raio (lachend): Nun auch das noch, wirklich, den Gesellschaftsforschern und Historikern geht es da nicht viel anders als uns. Immerhin sei der Vergleich doch soweit erlaubt, als man gesellschaftswissenschaftlich den plötzlichen Umschwung Deutschlands im Jahr 1933 unter die Lupe nimmt, als binnen weniger Wochen ungeachtet aller Realitäten nur noch eine einzige Meinung vertreten wurde und alle mit anderer Meinung ausgegrenzt und auch vertrieben wurden, denken Sie an den Exodus von Wissenschaftlern, Juristen und Ärzten, Künstlern, Journalisten – ungeachtet der folgenden schrecklichen weiteren Konsequenzen. Das, was hier –ich meine innerhalb der ersten Monate nationalsozialistischer Herrschaft- geschah und in ganzer Breite von nahezu allen maßgeblichen gesellschaftlichen Kräften mitgetragen wurde (dass die Kommunisten und Sozialisten nicht dabei waren, gehört auch heute noch zurecht zu deren Selbstverständnis), ist nur durch einen gesellschaftlichen Realitätsverlust zu erklären. Hätte es diesen Realitätsverlust nicht gegeben, dann hätte die Mehrheit der Deutschen nie die Konsequenzen mitgetragen. Die deutsche Geschichte bietet nun einmal ein Beispiel par excellence für die Konsequenzen eines kollektiven Realitätsverlusts und angesichts der von solchen Realitätsverweigerungen ausgehenden Gefahren erscheint es auch als erlaubt, darauf hinzuweisen.

RL:  Und Sie glauben, dass die gegenwärtige Verarbeitung der Gefahren, die uns Fukushima aufgewiesen haben, zu einem solchen Realitätsverlust führt?

Prof. Raio: In gewisser Beziehung ja und zwar wie die Diskussion in vollständiger Abgeschlossenheit von dem Rest der Welt geführt wird ausgehend von absoluten Prämissen, ähnlich der Bedeutung einer absoluten Wahrheit, vergleichbar etwa dem christlichen Gottesbild im Mittelalter. Die energetischen Bedürfnisse der Welt werden schlichtweg ausgeblendet. Augenblicklich liegt der auf ein KG Erdöl  bezogene durchschnittliche Weltverbrauch an Primärenergie bei 1.810 kg pro Kopf. Deutschland und Frankreich verbrauchen etwas über 4.000, Belgien 5.366 und die USA 7.759. China verbraucht zurzeit noch 1.484, aber Singapur schon 5.821. Länder wie Angola und Nigeria, selbst reich an Ölvorkommen, verbrauchen erst 606 bzw. 722 kg pro Kopf. Das, was dort auf die Welt an Energiebedarf zukommen wird, wird man nur auffangen können, indem man jede Art von Energie, die uns zugänglich ist, nutzt, vor allem vor dem Hintergrund der bald zu Ende gehenden Reserven an fossilen Brennstoffen. Den Menschen in Deutschland scheint nicht klar zu sein, dass die Energieversorgung eine elementare Frage des Überlebens ist und dass es ohne ausreichende Lösung zu einer weltweiten Katastrophe kommen wird, diesmal wirklich vom biblischen Ausmaß. Denn Energie ist Leben und nur Energie ist Leben.

RL: Für die man auch sterben kann?

Prof. Raio: Ja, natürlich, denn jeder der nicht überlebt, stirbt, gleich aus welchem Grund er nicht überlebt. Der Angst vor dem Strahlentod steht die durchaus gleichwertige Angst gegenüber, sei es an Hunger oder sei es an Krankheiten zu sterben, weil die Energie zur Schaffung ausreichender Lebensbedingungen in einer überbevölkerten Welt nicht reicht. Und hiervon trennen uns nur noch Jahrzehnte. Dass wir diesen Energiehunger, zudem noch angestachelt durch Forderungen, auch sozialer Natur, nach einer höheren Lebensqualität auf absehbare Zeit nicht mit alternativen Energien werden stillen können, belegt jede Modellberechnung. Wir kommen ohne direkten Rückgriff auf die atomar gebundene Energie  nicht aus und können nur hoffen, dass wir das rettende Ufer eines Kernfusionsreaktors, zu dessen Entwicklung sich die Welt in Frankreich unter dem Namen ITER zusammengefunden hat,  noch rechtzeitig erreichen werden. Bis dahin müssen wir jedenfalls bezogen auf die Welt die erforderlichen Risiken akzeptieren.

RL: Auch eine Kernschmelze mit Verseuchung ganzer Landstriche?

Prof. Raio: Wenn es nicht anders geht, auch das. Hier sind indessen die Dinge schon ein wenig aus dem Lot gekommen, indem –auch hier hat Deutschland die Führung übernommen- die schreckliche Erdbeben- und Tsunamikatastrophe, die Japan getroffen hat, schamlos kleingeredet wird, um die Atomkatastrophe aufzubauschen. Die Schäden an den Reaktoren, vor allem bei den Kühlsystemen, sind wahrscheinlich durch den Tsunami eingetreten, der Gewalt des größten Erdbebens, das Japan den Aufzeichnungen nach je erlebt hat, haben die  Reaktoren offensichtlich standgehalten. Sie hatten sich alle, wie vorgesehen, abgeschaltet. Die Tsunamiwelle im Reaktorbereich wurde mit 14 Metern Höhe ermittelt, man hat aber aufgrund der bisherigen Erfahrungen mit Tsunamis (bekanntich einem Wort, das aus dem Japanischen stammt)  mit keinen höheren Wellen als fünf Metern gerechnet und auch rechnen können - eine Fehleinschätzung fast um einen Faktor von drei. Solche Risiken können wir nicht vermeiden. Sicherlich kann man jetzt auch bauliche Maßnahmen gegen 15 Meter hohe Wellen treffen und dabei dennoch nicht ausschließen, dass eine Monsterwelle mit 30 Metern oder mehr das Land überflutet. Auch kann sich der Boden auftun und ganz Landstriche verschlingen. Der Phantasie möglicher Katastrophen sind keine Grenzen gesetzt und doch kann etwas eintreten, dass all das noch in den Schatten stellt. Aber müssen solche singulären Ereignisse unsere Gestaltungsmöglichkeiten wirklich beschränken? Wenn ja, dann müssten wir als Erstes den Straßenverkehr abschaffen, denn ihm fallen jährlich Hunderttausende auf der Welt zum Opfer. Wegen möglicher Epidemien oder Pandemien müssten wir alle unser gesellschaftliches Verhalten ändern und so fort. Leben aber ist und bleibt stets ein Risiko. Schon jedes einzelne Leben kommt nur dadurch zustande, dass es aufgrund einer vorgegebenen Information durch alle daran beteiligten Glieder, die sich der Information entsprechend verhalten müssen, in jedem Augenblick erzeugt wird. Es ist in jedem Augenblick das Ergebnis eines Werdens. Läuft etwas schief, fällt ein notwendiges Glied aus oder verhält sich nicht so, wie in der Information vorgesehen, führt der Prozess nicht zum vorgesehenen Ergebnis. Wir erleben das als Krankheit oder Tod. Das ist das Lebensrisiko und dieses Risiko setzt sich ungeschmälert fort, bei allem was wir zusammen mit anderen tun, um unsere Lebensbedingungen zu gestalten. Wir haben gar keine andere Wahl, als Risiken einzugehen.

RL: Also auch das Risiko einer Kernschmelze und einer Vernichtung des Lebens auf der Erde?

Prof. Raio: Wir müssen abwägen und theoretisch ist die Antwort einfach: wir müssen uns für das entscheiden, was das Leben –und zwar das der Erde- am ehesten sichert. Da übertreibt natürlich ihre Frage maßlos. Es gibt zwar Atom- und Wasserstoffbomben, die die ganze Welt bedrohen, aber keine Kernkraftwerke, die das tun. Selbst der Unfall von Tschernobyl, bei dem aufgrund des Brandes von dort gelagerten Graphit eine der größtmöglichen Verbreitung der ausgetretenen Radioaktivität erfolgte, hat nicht die ganze Welt bedroht – selbst wenn, wie schon von Ihnen erwähnt wurde, es zum Beispiel in Bayern zu Strahlenschäden gekommen sein kann, deren Konsequenzen bislang nicht offen gelegt sind. Ich will damit nur sagen, dass wir möglicherweise gezwungen sein können, recht weite Risiken einzugehen. Bei den pandemischen Gefahren, die mit der Überbevölkerung der Erde verbunden sind, haben wir das längst –nolens volens- akzeptiert –obgleich diese von ungemein größeren Ausmaß sind als bei der zivilen Nutzung der Kernenergie überhaupt denkbar. Das Risiko der Atomkraftwerke hatten wir doch längst akzeptiert. Wir leben in einer kapitalistischen Welt, wo alles seinen Preis hat. Die Nutzung der Kernkraft aber hat keinen Preis, denn Sie finden niemand, der bereit wäre, das Risiko zu übernehmen und sie gegen Störfälle zu versichern. Das ist seit je bekannt. Eine Mehrheit in Deutschland sagt jetzt, nachdem uns das Risiko in Fukushima vor Augen geführt wurde, ist es uns doch zu groß. Aber wir alle sitzen im selben Zug auf der Welt, da kann niemand allein die Richtung ändern. Und solange es keine Alternative zur energetischen Versorgung der Welt gibt, wird sich die Richtung des Zuges auch nicht ändern und damit auch nicht die Gefahrlage für Deutschland. Bitten Sie einfach einmal die Kernkraftgegner, zu berechnen, welche Flächen und Mengen an Solar- und Windkraftanlagen man benötigt einschließlich zugehöriger Speicherkraftwerke, um einen keineswegs unwahrscheinlichen weltweiten Verbrauch von 4000 EJ an Primärenergie sicherzustellen, dann wird sehr schnell deutlich, was hier wirklich gefordert wird: der Rückkbau der zivilen Lebensbedingungen weltweit – also auch unter Versagung unserer heutigen Lebensbedingungen für die Mehrheit der Menschheit. 

RL: Wir danken Ihnen, Herr Professor, für dieses Gespräch.